Warum wir Fleischfresser sind

Unsere westliche Standardernährung hat uns kränker zurückgelassen als jemals zuvor in unserer Geschichte. Chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und auch mentale Erkrankungen haben einen rasanten Anstieg seit Beginn des 20. Jahrhunderts erfahren.

Feldstudien aus dem 20. Jahrhundert zeigen, dass unsere heutigen Volkskrankheiten – allen voran die Herz-Kreislauf-Erkrankungen – in existierenden indigenen Jäger-Sammler-Populationen praktisch nicht existierten. Für unsere heutigen Ernährungswissenschaftler, die noch immer im Bann von Ancel Keys' 'Diet-Heart-Hypothese' stehen, erscheint es äußerst paradox, dass Menschen, die einen Großteil ihrer Kalorien aus tierischen Nahrungsmitteln ziehen, keine Zeichen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigen. (*)


Dieser Artikel fasst archäologische und evolutionsbiologische Erkenntnisse über unsere Ernährungsweise der letzten 6 Millionen Jahre zusammen. Es ist wichtig, diese Hinweise richtig einzuordnen, denn je näher sich unsere heutigen Empfehlungen an der Ernährung orientieren, an die wir uns evolutionär angepasst haben, desto mehr sollten wir uns von den heutigen Zivilisationskrankheiten befreien können.

Von Skeletten und Kunst

Die Megafauna-Tiere der Vergangenheit sind innerhalb der letzten 50.000 Jahre ausgestorben. Zu ihnen zählen unter anderem Mammuts, Auerochsen und Wollnashörner. Obwohl die Wissenschaft vermutet, dass auch naturgeografische und klimatische Veränderungen zum Aussterben dieser Spezies beigetragen haben, gibt es keinen Zweifel daran, dass auch der Mensch eine Rolle spielte. So zeigen fossile Funde vom Mammut und dem Mastodon Einkerbungen in ihren Knochen, die nur durch Steinwerkzeuge des Menschen zugefügt werden konnten. (*) Dass unsere Vorfahren Jäger waren, wird von den wenigsten angezweifelt.

Die Jagd war aber nicht nur ein gelegentlicher Zeitvertreib, sondern ein integraler Bestandteil der menschlichen Kultur für Millionen von Jahren. Kürzlich erschienene archäologische Studien fanden sogar heraus, dass einige der Stein- und Knochenjagdwerkzeuge aufgrund ihrer kleinen Größe höchstwahrscheinlich für Kinder angefertigt worden sind, damit diese ihre Jagdfertigkeiten bereits in jungen Jahren trainieren konnten. (*) Anscheinend waren unsere Kinder nicht mit Spielzeugen beschäftigt  sondern bekamen die wichtigste Fertigkeit beigebracht, die wir die letzten 6 Millionen Jahren zum Überleben brauchten: Das Jagen von Tieren und die anschließenden Zubereitungs- und Konservierungsschritte.

Auch unsere ältesten Geschichten geben Aufschluss über die Bedeutung der Jagd und unsere Essgewohnheiten. Zu der ältesten Form des Geschichtenerzählens gehört die prähistorische Kunstform der Höhlenmalerei. Auch auf die Gefahr hin, den ein oder anderen Vegetarier zu verstimmen, ist es wichtig zu verstehen, welche Motive die Höhlenmalerei umfasst: Es sind typischerweise Jagdszenen, und das gejagte Objekt ist kein Salatkopf. Die älteste bisher gefundene Höhlenmalerei stammt aus Sulawesi (Indonesien) und zeigt eine Jagdszene, bei der mehrere Gestalten ein wildes Schwein und Zwergrinder jagen. (*)

Das mammut war ein bedeutendes Tier der Megafauna vor 50000 Jahren

Visuelle Rekonstruktion eines Mammuts.

Älteste gefundene Höhlenmalerei zeigt Jagdszene

Teil der ältesten Höhlenmalerei der Welt in Indonesien (*)

Die Größe des Menschlichen Gehirns

Man vermutet, dass sich die Gattung 'Homo', der wir als Homo sapiens angehören, vor ungefähr 6 Millionen Jahren von den Schimpansen abspaltete. Dies geschah, als unsere Vorfahren die Bäume verlassen haben und die offenen Weideländer Nordostafrikas betraten. Im Norden Kenias sind die ältesten fossilen Überbleibsel einer unserer Abstammungslinien gefunden worden: Der Australopithecus.

Obwohl dieser bereits aufrecht gehen konnte, war sein Gehirn kaum größer als jenes der Schimpansen. Verfolgt man von diesem Zeitpunkt an die Entwicklung des menschlichen Gehirns, so entfaltet sich eine faszinierende Wachstumsgeschichte. Von 4 Millionen v. Chr. bis 2 Millionen v. Chr. wächst unser Gehirn langsam, aber stetig. Dann passiert etwas Erstaunliches: Unser Gehirnwachstum beschleunigt sich rapide, bis es ca. 40.000 v. Chr. ein Maximum von 1.600 Kubikzentimetern erreicht.  (*)


Es stellt sich die fundamentale Frage: Was führte zu dem beschleunigten Gehirnwachstum vor 2,5 Millionen Jahren? Obwohl man diese Frage nicht mit Sicherheit beantworten kann, gibt es einige archäologische Hinweise. So finden sich zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte primitive Steinwaffen und Schnittabdrücke in den fossilen Überresten von Tieren. (*) Das Gehirnwachstum zu dieser Zeit betraf insbesondere den Neokortex, ein Areal, das für Kommunikation und komplexere Verhaltensweisen innerhalb von Gruppen zuständig ist. Aus diesem Grund liegt die Vermutung nahe, dass wir vor ungefähr 2,5 Millionen Jahren von Aasfressern zu Jägern wurden (*). 

Das Gehirnvolumen des frühen Menschen begann vor ca. 2 Millionen Jahren exponentiell zu wachsen (*).

Ein so großes Gehirn ermöglicht komplexe Jagdtechniken, benötigt im Gegenzug allerdings höhere Mengen nährstoffreicher Kost (Fleisch). Andere Primaten entwickelten über die Jahrmillionen keinen Zuwachs ihrer Hirngröße. So hat der pflanzenfressende Gorilla, der ein Gewicht von bis zu 270 kg erreichen kann, ein Drittel der Gehirnmasse des heutigen Menschen. (*)

Seitdem das Aussterben der Megafauna-Tiere vor 50.000 Jahren begann, hat der Mensch interessanterweise bereits durchschnittlich 200 Kubikzentimeter Gehirnmasse eingebüßt. Diese Gehirnverkleinerung begann zeitgleich mit der sinkenden Verfügbarkeit tierischer Nahrungsmittel.

Der δ15-Stickstoffgehalt in Knochen

Aber waren wir nicht Jäger UND Sammler? Haben wir nicht auch pflanzliche Nahrung neben der tierischen konsumiert? Da wir nicht in die Vergangenheit reisen können, um diese Aussage zu überprüfen, haben Wissenschaftler eine Methode zur Überprüfung entwickelt. Dabei handelt es sich um die Messung des δ15-N Isotops.

Durch die Messung des δ15-N in fossilen Knochen kann man ableiten, welchen Anteil tierische Nahrung an der Ernährung unserer Vorfahren hatte. Pflanzenfresser haben durchschnittliche δ15-N-Werte von 3-7%. Fleischfressende Tiere liegen bei 6-12%. Und Allesfresser liegen typischerweise in der Mitte dieser Werte. Analysiert man die fossilen Überbleibsel des Neandertalers und des frühen modernen Menschen, so finden sich Werte von 12% beim Neandertaler und sogar 13,5% beim frühen modernen Menschen. Damit hat der Mensch höhere Werte als typische rein carnivor lebende Tiere wie der Löwe oder der Wolf. (*)

Der Mensch wird seit einigen Jahrtausenden wieder kleiner

Der Säuregehalt unseres Magens

Während wir uns überlegen, wie viel ein Neandertaler wohl gegessen haben mag und wie ein Mammutsteak wohl schmecken könnte, sollten wir uns auch ein paar Gedanken zu den anschließenden Verdauungsprozessen machen. Der menschliche Magen ist im Grunde eine ätzende Grube, in die unsere Nahrung hineinfällt, um von der Magensäure aufgelöst zu werden.

Der pH-Wert ist ein Maß für den Säuregehalt. Dabei ist ein pH-Wert von 1 extrem sauer und ein pH-Wert von 14 extrem alkalisch (also überhaupt nicht sauer). Der Mensch hat einen pH-Wert von 1,5 im Magen. Träte unser Mageninhalt in den Bauchraum aus, würden wir uns praktisch selbst von innen verdauen.

Der Schimpanse dagegen hat einen pH-Wert von 4-5. Da die pH-Skala logarithmisch ist, bedeutet dieser Unterschied, dass der menschliche Mageninhalt ungefähr 1000-mal saurer ist als der eines Schimpansen. (*) Ein solcher sehr saurer pH-Wert findet sich sonst nur bei Aasfressern wie Geiern oder Hyänen. So passte sich unser Magen vor ca. 4 Millionen Jahren an immer mehr tierische Nahrung und vor ca. 2 Millionen Jahren an fast ausschließlich tierische Nahrung an.


Ein solch niedriger pH-Wert hilft nicht nur dabei verspeiste tierische Nahrung aufzulösen sondern sorgte auch für das Abtöten von pathogenen Keimen. Da Kühlschränke erst seit ein paar Jahrzehnten existieren, konnten unsere Vorfahren ihr Fleisch nicht so gut konservieren wie wir heute, weshalb dem niedrigen pH-Wert auch eine bedeutende Abwehrfunktion gegen Parasiten, Bakterien und Viren zukam.

Der menschliche Dickdarm ist viel kürzer als bei Affen

Der heutige Homo sapiens mit langem Dünndarm und kurzem Dickdarm.

Affen haben einen ausladenden Körperbau

Der typische ausladende Bauch von Primaten zur Berherbergung eines großen Dickdarms.

Der Aufbau unseres Darms

Hat unsere aufgenommene Nahrung einmal den Magen passiert, gelangt sie in den Dünndarm, wo sie sich mit Gallenflüssigkeit und Bauchspeicheldrüsensekret vermischt. Der Dünndarm ist für die Resorption der Nährstoffe zuständig und verläuft in geschlängelten Knäueln im gesamten Bauch. Der daran anschließende Dickdarm hat dann die Aufgabe, dem Nahrungsbrei noch die letzten wertvollen Stoffe zu entziehen: Wasser und Salz.

Vergleicht man den Verdauungstrakt heutiger Menschen mit dem von Primaten, so lassen sich einige Unterschiede festmachen, die vermutlich durch eine Änderung unserer Ernährungsgewohnheiten hervorgerufen worden sind: Mit 3-5 Metern haben wir einen Dünndarm von außerordentlicher Länge entwickelt, während unser Dickdarm geschrumpft ist.

Primaten verbringen den Großteil des Tages damit, auf Blättern und anderen Pflanzenteilen herumzukauen, um ausreichend Kalorien aufnehmen zu können. Diese Pflanzenmasse passiert ihren Dünndarm relativ schnell, bevor sie auf den extrem voluminösen Dickdarm trifft. Hier verbleibt die pflanzliche Nahrung längere Zeit und vollzieht einen Prozess, der sich 'Fermentation' nennt. Dabei entstehen mithilfe von Bakterien kurzkettige Fettsäuren, welche die Hauptenergiequelle des Tieres darstellen. Im Grunde ist also Fett der Treibstoff der Primaten. Um so viel Pflanzenmasse zu lagern, haben Primaten einen Dickdarm von enormer Größe entwickelt. Und um diesen zu beherbergen, haben Affen einen Brustkorb, der nach unten hin breiter wird, sowie einen sehr ausladenden Bauch.

Der Mensch hat dagegen einen viel längeren Dünndarm. Dieser konnte nur so lang werden, weil wir tierische Nahrung zu unserer Hauptenergiequelle gemacht haben. Wir kauen nicht mehr den ganzen Tag auf Blättern herum. Hat unser Magen die aufgenommene Nahrung einmal zersetzt, können die Nährstoffe direkt vom Dünndarm aufgenommen werden, ohne zuvor von Bakterien fermentiert werden zu müssen. Isst ein Mensch dennoch eine große Menge Pflanzen, kommt es auch bei ihm im Dickdarm zu Zersetzungsprozessen. Vermutlich liegt darin die Ursache, dass manche Veganer die Fähigkeit haben, mit einer einzigen Flatulenz, den kompletten Raum zu leeren.

Das Verhältnis von Dünndarm zu Dickdarm ist beim Menschen anders

Warum sind diese Hinweise so wichtig?

Die Prävalenz vieler chronischer Erkrankungen unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft nimmt kontinuierlich zu. Auch wenn die Zunahme dieser Erkrankungen multifaktoriell begründet werden kann, spielt unsere Ernährung eine übergeordnete Rolle. Diese Aussage kann man schon deswegen treffen, weil heute insbesondere die metabolischen Erkrankungen wie beispielsweise der Diabetes mellitus auf dem Vormarsch sind (*).

Seitdem in den 50er Jahren die tierischen Fette verteufelt worden sind, konsumieren wir zunehmend pflanzliche Alternativen. Saatenöle - zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch praktisch unbekannt - haben ein unglaubliches Produktionswachstum erfahren und werden in den nächsten zehn Jahren weiter an Bedeutung gewinnen (*). Gleiches gilt für verarbeitete Lebensmittel generell. 90% der Lebensmittel, die wir heute im Supermarkt kaufen können, gab es vor 100 Jahren noch nicht.

Inzwischen propagieren öffentliche Instanzen Diäten, die immer weiter von der Ernährung abweichen, der wir uns evolutionär angepasst haben. Beispiele sind die Einführung von Insekten, "Fleisch" aus dem Labor, oder vegane Kost (*). Dabei werden unsere fleischfressenden Vorfahren und unsere evolutionäre Anpassung an den Fleischkonsum völlig ausgeblendet. Wenn hier kein Umdenken einsetzt, könnte sich die Gesundheit unserer westlichen Gesellschaft über die kommenden Jahrzehnte weiter verschlechtern.